Johann Sebastian Bach

 

wurde - nach dem damals im protestantischen Thüringen noch geltenden julianischen Kalender - am 21. März 1685 als jüngstes von acht Kindern in eine Stadtpfeifer-Familie in Eisenach geboren. Seine Verwandten wirkten seit Genrationen als Musiker

an weltlichen Höfen wie auch an protestantischen Kirchen.

Von frühester Kindheit an war er mit Musizieren und Musik vertraut, erlernte bei seinem Vater Ambrosius das Geigen- und Bratschenspiel und bei seinem älteren Bruder Christoph

in Ohrdruf das Spielen der Tasteninstrumente, insbesondere der Orgel.

Im Alter von neun Jahren verlor er seine Mutter, wenig mehr als ein Jahr später den Vater. Seine Kinderzeit verbrachte er bei seinem dreizehn Jahre älteren Bruder Christoph (s. o.). Hier besuchte er als Stipendiat das örtliche Lyzeum, betätigte sich ebenfalls als Chorsänger. Nach dem Verlust dieses „Freitisches“/Stipendiums wanderte er als 14-jähriger

- seine Geige im Gepäck - nach Lüneburg, wo er höhere Bildung samt höfischem Auftreten in der Partikularschule des dortigen Michaelisklosters genießen sollte.

 

Die Stationen seiner beruflichen Laufbahn begannen im thüringischen Weimar; es folgten Organistenjahre in Arnstadt (1703 – 1707), gefolgt von einer Anstellung an der Kirche Divi-Blasii in Mülhausen (1707 – 1708). Im nahe gelegenen Dörfchen Dornheim heiratete er am 17. Oktober 1707 seine erste Frau Maria Barbara. Von dort wechselte Sebastian Bach ab Juli 1708 an den Hof des Herzogs Wilhelm Ernst nach Weimar, wo er bis Ende des  Jahres 1717 als Konzertmeister tätig war. Von dort berief  ihn der musikbegeisterte junge  Fürst Leopold nach Köthen (1717 – 1723); Bach bekleidete das Amt eines Kapellmeisters und Musik-Direktors. Nach einer Reise ins böhmische Karlsbad fand er seine Frau Maria Barbara bereits begraben. Ein Jahr später, am 3. Dezember 1721, heiratete er seine zweite Frau Anna Magdalena. Letzte Station seines Wirkens sollte das sächsische Leipzig sein (1723 – 1750).

Die Stelle eines Kantors an St. Thomas und Musikdirektors der Messe-Stadt war frei geworden, mit diesen Ämtern und Aufgaben  beschloß Johann Sebastian Bach am 28. Juli 1750 hier sein Leben und Wirken.

 

Rezeptionsgeschichte

 

Jahrzehnte nach seinem Tod war J. S. Bach fast vergessen. Heute kennt ihn alle Welt. Seine Musik ist allgegenwärtig; ungezählt sind Aufführungen, Aufnahmen und Bearbeitungen seiner Werke. Bach gilt als meistgespielter Musiker aller Zeiten. Obwohl Bach ohne Zweifel Musik seiner Zeitepoche - des ausgehenden Barock und der beginnenden Frühklassik - schrieb und aufführte, hat sich nicht nur die nachfolgende „klassische“ Musik seiner Melodien, seiner Vokal- und Instrumentalkompositionen bemächtigt; seit Jahrzehnten schon sind sein unvergleichlicher „Sound“ und seine unverwechselbaren musikalischen Schöpfungen kreativer Bestandteil von Jazz- und Pop-, von elektronischer und „Neuer“ Musik.

 

Bachs Musik ist universell; das heißt, Menschen unterschiedlicher Kulturen und Hörgewohnheiten erleben deren Klangsinnlichkeit ebenso wie deren formsprengende Klangfülle. Seine Tonschöpfungen zeigen sich hochkomplex in Aufbau und Durchführung, doch diese Aspekte mögen Spezialisten faszinieren, immer aber bleiben sie ergreifend und voller Klarheit – selbst für ungeübte Hörer.

 

 

Wirkungen seiner Musik

 

Bachs Musik ist multidimensional; das heißt, es lassen sich in ihr unterschiedliche Weiten und Tiefen erspüren, die vergangenheits-, zeit- und zukunftsbezogen

neben- und miteinander verwoben sind.

Sowohl seine Vokal- als auch Instrumentalmusik sind rationalem Verständnis zugänglich;

ja, fordern die Analyse geradezu heraus.

Alle seine Kompositionen berühren „Tiefenschichten“ unseres Empfindens und unserer Gefühle – jenseits von Kultur und Konditionierung; wer sich seiner Tonsprache hingeben kann, wird solche Kommunikation nicht mehr missen wollen.

Wer keinen Zugang findet, wendet sich ab von ihr.

Reflexion und Ästhetik Bachscher Musik fordern heraus, können aber auch überfordern.

 

Langeweile, Trägheit und Oberflächlichkeit sind dieser Musik fremd.

Schon seine ganz frühen Werke sowie diejenigen seiner Jugendzeit bestechen durch kraftvollen Duktus und unfaßbaren Ideenreichtum; die Werke seiner „besten Mannesjahre“ erklingen in unvergleichlichem Glanz, unüberhörbarer Ausdrucktiefe; seine späten letzten, Werke scheinen in ihrer Komplexität wie auch Konzentration abgehoben von Tagesgeschehen und subjektiver Bestimmung. Sie sind Vermächtnis, nicht Auftrag.

 

Kopf, Herz und Dynamik, dies sind die drei wesentlichen Ansatzfelder, in denen das Erleben Bachscher Musik uns anrühren kann. Einerseits werden Gewichtung und Einfluß seiner Tonwelten auf uns Hörer natürlich immer abhängig bleiben von den Anlässen und Bestimmungen, für die Bach seine Werke schuf; andererseits aber auch von unseren individuellen Verfaßtheiten, unserer historischen Verortung

ebenso wie unseren aktuellen Stimmungen.

 

Mystik

 

Bachs Musik trägt unverkennbar – unüberhörbar - mystische Züge.

Mystik im Sinne einer Suche, der versuchten Annäherung an eine Wirklichkeit, in der alle Gegensätze, alle Widersprüchlichkeiten, alle Spannungen zwischen Subjekt und Objekt,

der Überwindung von Innen und Außen aufgehoben sind.

Es ist ein Phänomen: Sein ganzes Leben hindurch – in Freude, Leiden und Tod – versuchte

  1. S. Bach sich seinem Gott zu nähern. Nahezu alle seine Werke signierte er mit den Buchstaben „S. D. G.“: Soli Deo Gloria / Allein Gott zur Ehre. Bach empfand sich nicht als Künstler, nicht als Genius, nicht als „Fünfter Evangelist“. Musik war für ihn „fleißiges, handwerkliches Können“ als Ausdruck göttlicher Ordnung in der Welt. Sein Denken war noch geschult an den Vorstellungen der pythagoreischen Kosmologie, nach der bei den Bewegungen der Himmelskörper Töne entstehen, die in sich selbst und zu sich selbst in Harmonie stehen. Dissonanzen sind demnach „künstlich“ und machen allein dadurch Sinn, um auf eine Störung dieser prästabilisierten Harmonie hinzuweisen - selbstredend auch jenen Mißklang zwischen göttlicher Ordnung und menschlicher Anmaßung, diesen Einklang durch falsches Handeln und Denken zu verletzen.

 

Bach hatte ein sehr feines Gespür für die unzähligen Unordnungen,

für das häßliche Getümmel in der Welt.

Die heraufziehende Epoche der „Aufklärung“ war ihm suspekt,

ebenso menschliche Vernunft.

„Per passiones et crucem“ – nur „durch Leiden und Kreuz“/Tod – ist Erlösung möglich. Bleibender Friede ist nicht von dieser Welt.